Illuminierte Manuskripte des mittelalterlichen Nordens: Ein interdisziplinäres Forschungsfeld des Kunstgeschichte und Altnordischen Philologie

13.05.2014 von 18:00 bis 20:00

Stefan Drechsler, Doktorand am Kunsthistorischen Institut

Die Manuskriptforschung der altnordischen/altisländischen Philologie arbeitet bereits seit ihrem Entstehen im frühen 17. Jahrhundert stark mit historischen Anteilen. Dabei stehen seit jeher besonders die im isländischen Hochmittelalter geschriebenen, heute noch erhaltenen etwa 700 Manuskripte und Fragmente im Fokus. Aufgrund der stark ruralen Umgebung und vergleichsweise kleinen Bevölkerungszahl ergab sich bereits zu Beginn der philologischen Forschung die Möglichkeit, nicht allein anhand von paläographischen oder kodikologischen Besonderheiten die erhaltenen Primärquellen miteinander in Bezug zu setzen, und dadurch – wenn nicht näher bestimmt – auf 50 Jahre genau zu datieren. Darüber hinaus konnten auch deren etwaige Schreiber durch genealogische und weitere historische Quellen ausgemacht werden. Die dadurch erlangten Erkenntnisse blieben bis auf wenige Ausnahmen bisher im Rahmen von philologischen Forschungen begrenzt. Da jedoch um die 50 heute erhaltenen Manuskripte aus dem isländischen Mittelalter, allem voran jene aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, eine äußerst vielfältige Form der früh- und hochgotischen Buchmalerei aufweisen, liegt es nahe, auch diesen Aspekt der größtenteils landessprachlichen Manuskripte mit stark variierendem Inhalt zu beachten. Eine besondere, auf philologischem Weg bestimmte Manuskripten-Gruppe ist die sog. Helgafell-Gruppe aus dem 14. Jahrhundert, die dem gleichnamigen augustinischen Kloster im Westen Island zugerechnet wird. Hierin versammeln sich Manuskripte und Fragmente aus den Königssagas, dem Jуnsbуk-Gesetz, übersetzten Teilen des alten Testamentes und Apostelsagas, sowie weitere Textfragmente.

Aufgrund des stark eingeschränktem Wissen über die Herstellungsprozesse dieser Manuskripte haben sich mehrere kunsthistorische Ansätze zur Entstehung der Illuminationen entwickelt. Vorerst ist davon ausgegangen worden, es handle sich um einen einzelnen Buchmaler, dessen Hand den sog. Helgafell-Stil auszeichnet. Diese auf eine eher geschlossenen Stilistik abzielende Theorie ist bald widerlegt worden und einer eher generellen Idee gewichen. Diese sagt aus, insgesamt sechs Künstler seien in den Manuskripten vorfindbar, die wiederum ihre Inspiration nicht nur in dem Kloster-internen Skriptorium fanden, sondern wohl auch in weiteren bekannten, umliegenden säkularen wie monastischen Workshops. Bisher ist in diesem Rahmen vor allem auf die stilistischen Merkmale der Manuskripte Wert gelegt worden, sowie auf eventuelle ikonographische Ähnlichkeiten zwischen den zuvor philologisch-verbundenen Manuskripten. Ein entscheidender, und durchaus neuer Ansatz ist jedoch bisher nicht angeschnitten worden: Der Text-Bild Bezug und die sog. Interpiktualität der historischen Initialen. Dies ist im Rahmen der isländischen Buchmalerei des 14. Jahrhunderts eine große Besonderheit, da hier bisher unilluminierte Literatur zum ersten Male mit historischer Buchmalerei ausgeschmückt wird – und dabei typisch für das Mittelalter auf bekannte christliche wie säkulare Ikonographie zurückgegriffen wird. Durch diese Umformung und Neuanwendung christologischer Symbolmotive kann im Rahmen von historischen Nachforschungen zum jeweils spezifischen Heiligenkult im isländischen 14. Jahrhundert ein wichtiger und grundlegender Teil nicht nur zu der übergreifenden Forschung in den Feldern der skandinavischen Kunstgeschichte und Altnordischen Philologie geleistet werden, sondern auch das angrenzende Gebiete der mittelalterlichen Geschichtsforschung mit einbezogen werden. Im Rahmen meines Vortrages möchte ich einen Einblick in diese fächerübergreifende Forschungsarbeit geben und anhand der o.g. Helgafell-Gruppe exemplarisch erörtern, in wie weit neue Forschungsergebnisse erwartet werden können.

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