Medienrezeption in der Frühen Neuzeit. Kommunikative Funktionen materieller (Gebrauchs-) Kultur?

24.06.2014 von 18:00 bis 20:00

Michaela Wilk, Doktorandin am Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie, Abteilung Historische Archäologie, Wien

Der Vortrag reiht sich in die Diskussion um Bildrezeption im soziokulturellen Kontext der Frühen Neuzeit- speziell sollen „Bilder“ an frühneuzeitlichen „Gebrauchsgegenständen“, explizit am Fallbeispiel (venezianischer) Schlangengläser, diskutiert werden.

Bereits mit dem Import venezianischer Kelchgläser ab dem 16. Jhdt. kann ein Traditionen verändernder Schritt gefasst werden, indem „mittelalterliche“ Glasformen u.a. nördlich der Alpen ergänzt werden. Somit fungiert das Kelchglas als neuartiges nordalpines Gebrauchs- und Kunstobjekt.

Da das Kelchglas selbst als Bildträger (hier im Rahmen diskutierter Schlangengläser) Medium sozialer Kommunikation war, steht es im Fokus dieses dialektischen Betrachtungsprozesses zwischen (Gebrauchs-) Objekt und (sprechendem) bzw. über Inhaltliches hinaus kommunizierendem Bild.

Auf kommunikative Funktionen von Bildern hat in jüngerer Forschung allem voran die semiotisch orientierte Bildwissenschaft hingewiesen. Ein Bild zu verstehen, heißt nicht nur den Inhalt zu verstehen, sondern auch die Gründe für deren Einsatz zu bedenken. Die Aufforderung an den Rezipienten etwas zu tun, zu reagieren, vergleichbar mit einem sprachlichen Appell, kann auch von Bildern ausgehen. Man könnte dieses antwortende Handeln des Betrachters, auf welche die kommunikative Funktion des Bildes hinzielt, als Responsivität bezeichnen. In diesem Stimulus zum Respons, in dieser Aufforderung zum reaktiven Agieren soll eine wesentliche Sinnbestimmung des Einsatzes von Zeichen/Bildern (auch am Fallbeispiel eines frühneuzeitlichen Gebrauchsobjektes) liegen.

Rezeptions- und wirkungsästhetische Zielsetzungen determinieren die Frage nach dem frühneuzeitlichen funktionalen Zweck der Bilder. Wichtig ist diesbezüglich, dass zweckgebunden sowohl Inhalt als auch Gestaltung von Bildern u.a. bewusst eingesetzt wurde, um zu Emotionalisieren und mnemotechnischen Forderungen nachzukommen, wie darüber in Form von Responsivität zu „moralisieren“. Insbesondere ist hier eine grundsätzliche emotionale Potenz des Bildes zentral, die nicht allein affektive, momentane Reaktionen auf Bildwerke im Moment der unmittelbaren Begegnung umfasst, sondern darüber hinaus auch das anhaltende und nachhaltige bildliche Einwirken auf den Betrachter durch bleibende Eindrücke garantieren sollte.

Da man über derartige intentionelle emblematische Gestaltungsmaßnahmen der picturae aus frühneuzeitlichen Beschreibungen Bescheid weiß und es sich beim Fallbeispiel „Schlangenglas“ mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Form angewandter Emblematik handelt, kann hier vergleichbares gestaltungs- als auch funktionsbezogenes Interesse vorgeschlagen werden.

Bei der Schlangenglasgestaltung handelt es sich resümierend allem voran eventuell erstmals um eine plastisch angewandte Übernahme einer aus emblematischen picturae Kontexten bekannten Formation zweier in sich verschlungener Schlangen in das Kunsthandwerk, wobei von einer am Glas mitgedachten „Allianz- Interpretation“ trotz fehlender „Textbestandteile“ ausgegangen werden kann. Folgend können jene zwei in sich verschlungenen Schlangen zu einem Ganzen als Übernahme einer alchemistischen/hermetischen Idee (welche auch in alchemistischen emblematischen picturae zu finden ist), für die (eheliche) Wiederzusammenführung des weiblichen und männlichen Prinzips zur göttlich gedachten Einheit stehend, im Sinne eines Piktogramms gedeutet und begriffen werden.

Resümierend soll dargestellt werden, welche künstlerischen Gestaltungsmaßnahmen wie medienbedingte - möglichkeiten am Fallbeispiel Schlangenglas zur Verfügung standen/getroffen wurden, um den Betrachter zu „erreichen“ bzw. beabsichtigte Reaktion am/im Rezipienten zu evozieren. Neben zielgerichteter künstlerischer Gestaltung gilt es für geforderte Responsivität allem voran auch inhaltlich geeignetes in wiederum adäquater (Zeichen-) Form darzustellen. In diesem Kontext können jene in sich verschlungenen Schlangen am Glas als archetypisches, alchemistisches Symbol, welches unbewusst mit der Idee/dem Prinzip der Coniunctio (im zwischengeschlechtlichen Kontext) assoziiert wird und dadurch auch für den Rezipienten emotional direkt erfahrbar gemacht wird, in ihrer plastischen, dem Medium Glas bzw. dem formalen Aufbau des Kelchglases wie kunsthandwerklichen Modus angepassten Form herausgestellt werden.

Für einen frühneuzeitlichen Funktionszusammenhang von Schlangengläsern soll auf eine Rolle im Rahmen des Makrorituals Hochzeit verwiesen werden- sei es direkt als materielle Kultur im Prozess des Übergangsrituals oder in indirekter Weise als „Andachtsbild“.

Ab 1500 etwa sahen sich sowohl weltliche als auch geistliche Obrigkeiten verstärkt mit der Notwendigkeit einer Neubewertung und stärkeren Normierung der Ehe konfrontiert- Ehe und Familie sollte nun die einzig erstrebenswerte Lebensform darstellen. Zudem herrschte unter den Gelehrten aller Konfessionen in der Frühen Neuzeit die Überzeugung vor, dass es zwischen den Geschlechtern eine feste, zugleich aber auch komplementäre Rollen- und Aufgabenverteilung gäbe, deren Erfüllung sich prinzipiell niemand entziehen könne und dürfe- was zudem propagiert werden musste.

Fasste das Bewusstsein von der Komplementarität der Geschlechter ein zeitgenössisches Symbol der Geschlechterbeziehung so konzise wie möglich zusammen, wird an jener Schlangenformation am Glas über seine Charakterisierung als das alchemistische „große Werk“ in Form der Coniunctio-Idee der polaren Gegensätze dieses zeitgenössische Symbol der Geschlechterbeziehung reflektiert. Die Aufforderung zum reaktiven Agieren für didaktische, moralisierende, manipulative Zwecke als eine! frühneuzeitliche wesentliche Sinnbestimmung des Einsatzes von Bildern resp. Zeichen kann hier anhand eines archetypischen alchemistischen Symbols auf einem Objekt frühneuzeitlicher materieller (Gebrauchs-) Kultur nachvollzogen werden.

In diesem Sinn könnte die am Glas zu interpretierende Inszenierung von Mann und Frau in Vereinigung als nun „ehrbares Konstrukt“ wie auch das Bewusstsein von der Komplementarität der Geschlechter zu einem (oder dem) höheren Ganzen frühneuzeitlich propagiert und sinnlich erfahrbar gemacht werden.

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