„All safe, gentlemen, all safe“. Der Fahrstuhl als metaphorischer Raum an der Schwelle zur Moderne

10.06.2014 von 18:00 bis 20:00

Ingo Rotkowsky, Doktorand am Kunsthistorischen Institut

Seit der Fahrstuhl in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten das erste Mal als öffentliches Personentransportmittel in Erscheinung trat, entwickelte er sich im Laufe des darauffolgenden Jahrhunderts nicht nur zu dem maßgeblichen architektonischen Erschließungsmedium der Vertikalen, sondern kann gleichsam als Vehikel für den bewegten Aufbruch in die Moderne verstanden werden.

Ziel dieser Arbeit ist es herauszustellen, inwieweit sich anhand der Entwicklung des Transportkanals Aufzug - in konzentriert verdichteter Form - Mechanismen und Prinzipien aufzeigen lassen, die gleichsam für die sich ausdifferenzierende Kartographie der Metropole/Moderne stehen können.

Dies soll durch die explizit kunsthistorische Fragestellung geschehen, auf welche Weise sich an den modifizierten ästhetischen Gestaltungsformen der Kabine (Interieur mitsamt Umwehrung), sowie der Positionierung des Aufzugs in der Hierarchie des Hauses gleichsam eine neue Lesbarkeit und Wahrnehmung von Stadt bzw. Raum widerspiegelt -  und  sich somit eine dezidiert transformierte urbane Realität Ausdruck verleiht.

Dabei ist es von evidenter Bedeutung die strukturell-ästhetischen Veränderungen sowie die Formensprache der Aufzugsgestaltung in chronologischer Art und Weise zu betrachten. Der zeitliche Rahmen wird dabei von der Integration der ersten Personenaufzüge in amerikanische Bürohäuser (New York/Chicago), um 1850, bis zur Etablierung des geschlossenen, standardisierten Schachtes um das Jahr 1950 reichen.

Hierbei soll das Augenmerk sowohl auf das Miethaus wie auch das Büro- bzw. Hochhaus gerichtet werden, um unter Einbezug der Prinzipien Kommodität und Rentabilität herauszustellen, wie sich ebenso unter kultursoziologischen Gesichtspunkten, am Medium Aufzug herausdestillieren lässt, dass die fortschreitende Technisierung nur schrittweise gelernt und antizipiert worden ist.

Der lokale Fokus für den architektonischen Rahmen der vorzulegenden Arbeit wird dazu auf die europäische Metropole gerichtet sein. Insbesondere Paris und Wien, als in ihrer Entwicklung „typische“ Metropolen, wie auch Berlin, in der Rolle als „verspäteter“ großstädtischer Kulminationspunkt, werden unter den Aspekten Beispielvielfalt, Quellenlage und direkte Zugänglichkeit im Mittelpunkt stehen. Ferner ist es für die Betrachtungen unumgänglich transkontinentale Parallelentwicklungen in den Großstädten der Vereinigten Staaten unter dem Gesichtspunkt relativer Unterschiede und Gemeinsamkeiten wahrzunehmen.

Um diese zentrale architektonische Basis soll daraufhin der theoretische Bogen gespannt werden, der unter Zuhilfenahme des Vehikels Aufzug, eine Recodierung und Neuwahrnehmung von „Raum“ mitsamt des Faktors „Zeit“ in der Metropole verdeutlichen will. Dafür ist sowohl eine historische Bestandsaufnahme des Raumbegriffes unerlässlich, wie auch seine variierte Funktion und Auslegung in den Dekaden um das Jahr 1900.

Damit eine lückenlose Topographie des semantisch neu definierten Raumes gewährleistet ist, müssen, unter Einbezug anthropologisch metaphorischer Konstanten (Raum und Subjekt), gleichsam postmodern formulierte Theorien mit in die Betrachtung einbezogen werden.

Schließlich ist es die auszuführende psychologische Argumentation, welche anhand der Aspekte Geschwindigkeit und Verdichtung, den Aufzug als doppelten Schwellenraum zu definieren versucht.

Einerseits steht er im Gebäude für den Übergang zwischen den einzelnen Etagen und Ebenen, somit für die beschleunigte Überwindung von Raum und Zeit und ist gleichsam zum Mittler und Determinant der privaten, öffentlichen und halböffentlichen Sphäre geworden. Hinsichtlich einer fortschreitend technisierten Urbanität ist er ebenso als Schwellenmedium zu bezeichnen, an dem sich die Rezeption und Aneignung der Moderne versinnbildlicht ablesen lässt, ausgehend von einer anfänglich „kulturellen Nervosität“ hin zu einer integrierten Selbstverständlichkeit, - einer Kultur des Nicht-Wahrnehmens.

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